Im Interview mit Natalie von Marschalck, die an unserer Schule Deutsch und PGW unterrichtet und als Mitglied des Beratungsteams für die Jahrgänge 7 und 8 zuständig ist, haben wir uns über ihre ehrenamtliche Hilfe für Ukrainische Geflüchtete unterhalten. Sie hatte zu Anfang des Ukraine-Krieges Flüchtlingsfamilien aus der Ukraine aufgenommen.

Was genau haben Sie eigentlich bezüglich des Ukrainekrieges gemacht?

Das waren so ganz verschiedene Sachen. Als Erstes haben wir am Anfang des Krieges zwei Familien aus Butscha aufgenommen, mit denen wir uns auch angefreundet haben. Die wohnen jetzt zwar woanders, aber wir betreuen sie weiter. Nachdem die ukrainischen Familien wieder gefahren waren, habe ich dann beim ASB hier in Rissen im Lager mitgeholfen. Das kennen viele von euch wahrscheinlich auch. Da kann man Spenden sortieren. Am Hauptbahnhof war eine Willkommensgruppe, die die Ukrainer, die mit den Zügen gekommen sind, begrüßt und versorgt hat, zum Beispiel mit neuen Windeln für die Babys. Da hab ich dann auch eine Zeit lang die Bestellungen organisiert, als die Willkomensgruppen in Rissen im Lager Sachen bestellt haben. Das waren unterschiedliche Sachen, zum Beispiel auch Babyflaschen oder Decken, was gerade gebraucht wurde. Und das haben wir dann auch immer zum Hauptbahnhof geschickt. Und dann wurde in Iserbrook ein Café für Ukrainer aufgebaut, wo sie sich gegenseitig treffen können. Das hat hauptverantwortlich die Pastorin der evangelischen Kirche in Sülldorf/ Iserbrook aufgebaut, ich habe da nur mitgemacht. Die ukrainischen Flüchtlingsfamilien treffen sich da jeden Montagnachmittag. Es gibt dort Kuchen, der von einer Bäckerei gespendet wird und es sind viele Ehrenamtliche von der Kirche und ukrainische Familien vor Ort. Dort wird auch geschaut, was benötigt wird. Zum Beispiel wurden Fahrräder für die Kinder vermittelt. Deutschunterricht für Erwachsene findet ebenfalls statt.

Was hat Sie eigentlich dazu bewogen, sich für die ukrainischen Flüchtlinge zu engagieren?

Das fing am Anfang des Krieges an. Ich glaube, da waren wir alle völlig schockiert und auch ungläubig. Ich weiß noch, dass mit Ausbruch des Krieges in der Nacht, mein Mann am nächsten Morgen zu mir sagte, es sei jetzt Krieg in der Ukraine. Und ich hab noch gesagt, das sei kein Krieg, sondern ein Konflikt. Dann hab ich die Nachrichten gesehen, wie viele von uns und konnte es nicht glauben, dass so ein Krieg heutzutage stattfindet und auch in einer Art und Weise, wie man dachte, dass Krieg heute gar nicht mehr geführt wird in Europa. Dass für mich sofort ein Gefühl entstanden ist, auch wir hier in Deutschland könnten friedlich leben und würden dann von einem anderen Land einfach überfallen werden. Das hat mich sehr erschüttert.

Für mich ist sofort das Gefühl entstanden, dass wir auch hier in Deutschland, in unserem friedlichen Leben plötzlich von einem andern Land überfallen werden können.

Frau v. Marschalck

Wie läuft es ab, wenn die ukrainischen Flüchtlinge gerade in Deutschland angekommen sind? Stimmt es, dass sehr viel von Privatpersonen organisiert wird?

Also es gab auch relativ früh schon ein öffentliches Aufnahme-Lager. Und es gab eben Privatpersonen, die sehr schnell gesagt haben, dass sie Familien aufnehmen. Es gab aber auch Menschen, die gesagt haben, man braucht als Privatperson gar keine Flüchtlinge aufzunehmen, weil es öffentliche Möglichkeiten gibt. Das haben wir aber anders gesehen. Für uns war das eine ganz tolle Chance, diese Familien bei uns aufzunehmen. In einer privaten Atmosphäre kann man sie eben viel besser auffangen, als wenn sie einfach nur so ein kleines Zimmer in den Messehallen bekommen. Die öffentlichen Möglichkeiten waren auch wahnsinnig überlastet.

Wir haben ein Haus in Iserbrook und da haben wir ein Gästezimmer, was eigentlich immer freisteht. Dann hab ich uns bei verschiedenen Portalen registriert und da ich das schon sehr schnell gemacht habe, sind dann auch schon ganz schnell zwei Familien zu uns gekommen. Wir hatten gemeldet, dass wir eine Familie aufnehmen können. Allerdings hat sich die Frau gemeldet, die dieses Portal geführt hat, eine Ukrainerin hier in Deutschland. Sie hat gesagt, da wären gerade zwei Familien, die zusammen aus der Ukraine in einem Auto geflohen sind. Die würden jetzt zu uns kommen und wir könnten die eine Familie dann weiter schicken. Und die sind dann bei uns angekommen. Das waren zwei Nachbarfamilien aus Butscha. Die ältesten Töchter waren beste Freundinnen und die eine Mutter konnte überhaupt kein Wort Englisch. Das waren eben sechs Leute und natürlich konnten wir eine Familie dann nicht weiterschicken, weil das gar nicht ging, wir konnten das nicht übers Herz bringen. Die waren schon so miteinander verwurzelt, auch durch die Flucht. Und sie haben sich auch sehr gebraucht . So waren dann eben zwei Familien hier. Ich hatte das Gefühl, dass das alles viel näher an uns dran war und viel emotionaler wurde, weil wir sie kennengelernt haben und sich unsere Familien befreundet haben. Und so war man dann emotional viel näher dran und wollte dann eben helfen.

Die ukrainischen Familien mussten sich auch hier registrieren. Auch wenn man in einer privaten Unterkunft war, muss man sich in Hamburg registrieren, damit man Geld vom Staat bekommt. Die Ukrainier hatten gar kein Geld, weil ihre Karten hier nicht funktioniert haben. In der Ukraine hat man ja auch eine andere Währung. Dafür sind sie zur Registrierungsstelle gefahren, die aber so überlastet war, dass sie morgens ankamen und abends immer noch nicht registriert waren. Wir haben auch ganz schlimme Sachen gehört, zum Beispiel, dass da ein Jugendlicher kollabiert ist und ins Krankenhaus musste, weil Flüchtlinge oftmals immer so acht Stunden standen und nichts zu essen bekommen haben. Am Anfang waren es schon katastrophale Zustände. Ich weiß aber auch nicht, ob man das unserer Regierung vorwerfen darf, weil niemand vorbereitet war auf diesen Überfall.

In einer privaten Atmosphäre kann man Flüchtlinge viel besser auffangen.

Frau v. Marschalck

Hat es Vorteile, wenn Flüchtlinge bei Privatpersonen unterkommen?

 

Ja, auf jeden Fall. Ich glaube, emotional macht es einen riesigen Unterschied, wenn ein geflüchteter Mensch von Privatpersonen aufgenommen wird, die auf die individuellen Bedürfnisse eingehen können. Zwischen den zwei Familien und uns ist emotional in dieser Zeit total viel passiert.

Wenn Menschen in so einer Notsituation sind, dann öffnen sie sich auch ganz stark. Das Schutzschild fällt irgendwie weg. Dadurch sind wir auch sehr nah gerückt und ich glaube schon, dass das sehr geholfen hat. Natürlich konnten wir sie letztendlich nicht aus ihrer Situation retten, aber es ist auf jeden Fall ein Vorteil, Auch für die längere Zeit, dass sie da auch soziale Kontakte haben und dann schon hier viel mehr angedockt sind. Wir treffen sie jetzt, auch wenn sie etwas nicht wissen, dann können wir ihnen auch helfen. Am Anfang war das für uns auch eine ziemliche Schocksituation. Ich bin aber froh, dass wir das gemacht haben. Natürlich macht es auch etwas mit einem persönlich, wenn man Familien hat, die einem immer so schlimme Sachen erzählen. Ich kann mir aber auch vorstellen, dass es ein Problem wird, wenn man auf lange Sicht keine andere Unterkunft für die Familien findet und diese dann lange bei einem Zuhause wohnen und es dann irgendwann zwischenmenschliche Probleme gibt.

 

Sie haben gerade viel davon gesprochen, wie es am Anfang war. Hat sich das jetzt verändert?

 

Wie ich es wahrnehme, hat sich etwas verändert. Ich weiß aber nicht, wie es den Menschen geht, die in öffentlichen Aufnahmestellen sind, weil ich zu denen keinen Kontakt. Ich habe nur Kontakt zu Menschen, die in privaten Aufnahmestellen sind. Aber ich weiß, dass sie zumindest jetzt Geld bekommen, dass sie eine Krankenversicherung haben, dass die Kinder direkt nach den Frühjahrsferien Schulplätze bekommen haben und zusätzliche Kita-Plätze bereitgestellt wurden. Was ein Riesenproblem ist, ist die Bereitstellung dauerhafter Wohnungen. Unsere zwei Familien wohnen jetzt gemeinsam in einer Dreizimmerwohnung. Das ist zumindest schon mal gut. So gerne wir uns gegenseitig mochten, hatten sie immer das Gefühl, in unserer Schuld zu stehen. Sie haben immer gefragt, ob sie irgendetwas helfen können. Jetzt sind sie zumindest schon mal in dieser Wohnung autonom. Aber auf Dauer ist diese viel zu klein. Die Mädchen können für die Schule gar nichts richtig lernen, weil sie sich gegenseitig immer stören. Also Wohnraum ist auf jeden Fall ein Problem.

Sie hatten immer das Gefühl, in unserer Schuld zu stehen.

Frau v. Marschalck

Was können Schülerinnen und Schüler von unserer Schule jetzt genau tun, um Flüchtlingen aus der Ukraine zu helfen? Insbesondere auch Jugendlichen in unserem Alter, die aus der Ukraine geflohen sind?

 

Einmal ist es natürlich ganz toll, wenn ihr selbst Menschen aus der Ukraine kennenlernt, dass ihr euch für sie öffnet und ihnen quasi die Hände reicht, sodass sie Kontakte knüpfen können. Dann finde ich es auch sehr praktisch, dass wir so nah am Rissen ASB wohnen und man da hingehen und helfen kann, zum Beispiel in der Kleiderkammer. Das Praktische daran ist auch, dass Menschen, die viel arbeiten und eingebunden sind, einfach hinkommen und helfen können und dann wieder gehen können, ohne dass man da sich jetzt wöchentlich verpflichtet. Und auch das, was ihr macht, ist wichtig. Informationen sammeln, darüber anderen erzählen und berichten. Am Anfang waren wir alle ganz schockiert und haben uns nur noch mit diesem Thema beschäftigt und jetzt geht unser Leben weiter, aber der Krieg ist immer noch und die Menschen, die hier angekommen sind, sind ja immer noch entwurzelt. Und vielen von denen geht es jetzt erst richtig schlecht. Am Anfang stößt der Körper auf so einer Flucht ganz viele Hormone aus und dann sind die Geflüchteten sehr aufgedreht,